Im Alter in der Pflege-WG leben

Neues Modell der Versorgung steht im Wettbewerb mit Alten- und Pflegeheimen - Angehörige schätzen familiäre Atmosphäre

Von einem geruhsamen Lebensabend im vertrauten Zuhause und umgeben von der Familie träumen die meisten. Doch nicht immer lassen Lebensumstände oder Krankheiten dies zu. Eine Pflege-WG kann neben Alten- und Pflegeheimen eine gute Alternative sein.


WESTERWALDKREIS. Gemütlich sitzen sie morgens um 10 Uhr im Esszimmer am Frühstückstisch, schälen sich einen Apfel, das Radio läuft, die Sonne scheint durchs Fenster. Eigentlich sieht alles aus wie in einem normalen Esszimmer, in einem ganz normalen Zuhause irgendwo im Westerwald. Doch in dem kleinen Einfamilienhaus am Rande von Elgendorf wohnt keine normale Familie: Hier verbringen drei Männer und drei Frauen zwischen 52 und 98 Jahren ihren Lebensabend. In der Seniorenwohngemeinschaft "Hamamelis" fühlen sich die Senioren sichtlich wohl. Die meisten von ihnen sitzen im Rollstuhl, sind unheilbar krank oder leiden an Demenz. Doch in der Wohngemeinschaft, die seit August 2008 vom Pflegedienst Steffen betreut wird, haben sie ein neues, ein würdevolles Zuhause gefunden.

"Mein Mann leidet an einem Hirntumor. Wir konnten ihn zu Hause nicht länger pflegen. Es ging ihm nicht gut", erzählt die Ehefrau eines Patienten. Der Tumor ist inzwischen inoperabel. Nach einem Zusammenbruch kam ihr Ehemann in die Pflegewohngemeinschaft nach Elgendorf. "Mein Mann ist hier rund um die Uhr versorgt. Es herrscht keine Krankenhausatmosphäre. Es ist fast wie Zuhause, mit einem gemütlichen Aufenthaltsraum, Wintergarten und einem großen Garten", erzählt die Frau. "Die Pflegekräfte kümmern sich liebevoll um die Patienten. Ich habe ein gutes Gefühl, mein Mann ist hier sehr gut aufgehoben und fühlt sich wohl", erzählt sie. Und betont: "Die Wohngemeinschaft ist für mich ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht, dass es eine Alternative zu Alten- und Pflegeheimen gibt", sagt sie.

"Das Konzept der Pflegewohngemeinschaft ist ein neues Modell, das stark im Kommen ist", ist der Geschäftsführer des Pflegedienstes Steffen, Steffen Behrend, sicher. "Die Wohngemeinschaften werden früher oder später die Altenheime ablösen", ist der Diplom-Pflegewirt und ausgebildete Altenpfleger überzeugt. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ines Knabe, die ebenfalls aus der Altenpflege kommt, hat der 38-Jährige den ambulanten Pflegedienst im August 2008 gegründet und zugleich die Wohngemeinschaft in Elgendorf übernommen. Sieben examinierte Krankenschwestern und Altenpflegerinnen kümmern sich hier und in der erst kürzlich eröffneten Pflegewohngemeinschaft in Ebernhahn rund um die Uhr um die Senioren. Eine Hauswirtschafterin ist für Haushalt und Küche zuständig. "Die Wohngemeinschaften sind ständig besetzt, nachts ist eine Schwester im Haus", erläutert Behrend. "Wir kümmern uns um die Pflege und medizinische Versorgung der Patienten, wir besorgen und verabreichen die Medikamente, beantragen Krankenbetten, regeln alles mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Die Angehörigen müssen sich um nichts kümmern", betont er.

In beiden WGs hat jeder Patient sein eigenes Zimmer, das er - wie im Alten- und Pflegeheim - selbst möblieren und einrichten kann. Bis zu acht Patienten können in Elgendorf und Ebernhahn wohnen. Die Bewohner teilen sich drei Bäder, den Aufenthaltsraum, den Wintergarten und den Garten. Ein Lifter führt vom Keller bis in den ersten Stock. "Im Sommer sind wir sehr viel draußen", sagt Ines Knabe. Zu jeder Tages- und Nachtzeit seien Besuche der Angehörigen möglich. "Es gibt keine festen Öffnungszeiten", sagt die 37-Jährige. Jeder könne seinen Tag so gestalten, wie er mag. "Bei uns kann jeder lange ausschlafen und frühstücken, wann er möchte. Wir sind eine kleine Einrichtung und können auf individuelle Wünsche eingehen", erklärt sie. Auch Haustiere sind erlaubt.

"Wir haben Zeit für unsere Patienten", sagt Behrend. "Der Vormittag ist vorwiegend für die Pflege da. Nachmittags gehen wir spazieren, wir unterhalten uns viel, trinken Kaffee oder machen Spiele", erzählt er. Die Atmosphäre ist familiär, alle duzen sich und nennen sich beim Vornamen. Doch das kann auch schwer werden. "Die Senioren wachsen uns ans Herz wie ein Familienmitglied. Wenn ein Mensch stirbt, ist das auch für uns sehr schwer", sagt Behrend.

Doch die Familien der Patienten wissen das Familiäre zu schätzen. "Das ist eine tolle Einrichtung. Mein Mann fühlt sich hier wohl", sagt auch eine Wirgeser Geschäftsfrau, deren Mann an Alzheimer erkrankt ist. "Die WG ist eine gute Alternative, die nicht teurer ist als ein Heim", sagt sie. Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Betreuung und Versorgung liegen für die Hausbewohner oder ihre Familien unabhängig von der Pflegestufe bei 1050 Euro im Monat. "Die übrigen anfallenden Kosten rechne ich mit den Kranken- und Pflegekassen direkt ab", erläutert Behrend.  

Stephanie Kühr-Gilles

Quelle:
RZ-Online Artikelarchiv vom 21.04.2009